Build, Buy oder Greenfield

Jede Systementscheidung ist im Kern eine Make-or-Buy-Frage. Bauen wir selbst, kaufen wir zu, oder setzen wir neu auf? Build, Buy oder Greenfield sind nur drei Namen für dieselbe Grundentscheidung — und sie fällt fast nie dort, wo man sie vermutet: bei den Kosten.

Wie eine belastbare Zahl entsteht

In einem Assessment für den Umstieg auf ein neues ERP-Kernsystem haben wir die Entscheidung mit rund 18 Monaten und drei Millionen beziffert. Die Zahl war kein Bauchgefühl. Wir sind mit den Entwicklern und Fachberatern den Business Blueprint durchgegangen, Modul für Modul, Prozess für Prozess, und haben für jeden Baustein den Aufwand bis in die Produktion geschätzt — Umsetzung, Test, Freigabe, Deployment. Am Ende stand eine Empfehlung für Greenfield: Das Altsystem war stark modifiziert, und die Daten mussten für den Umstieg ohnehin aufgeräumt werden.

Der Faktor jenseits der Kosten

Ausschlaggebend war am Ende der Altbestand. Brownfield — das bestehende System mitnehmen und weiterentwickeln — ist völlig unproblematisch, solange der Modifikationsgrad gering ist, die Stamm- und Bewegungsdaten konsistent sind und die Eigenentwicklungen überschaubar bleiben. Dann liegt der Fokus auf dem Produkt, weil die Historie einen schmalen Fußabdruck hat. Hier war es umgekehrt: unsaubere Stammdaten, umfangreiche Modifikationen im Altrelease. Damit verschiebt sich der Fokus vom neuen Release zurück auf den Altbestand. Und dann wird es doch wieder eine Aufwandsfrage: Wenn ich ohnehin in alles hineinschauen muss — Daten geradeziehen, Modifikationen auflösen oder abgleichen —, ist das im frischen System teurer oder billiger?

Oft entscheidet auch die Branche mit. Wo der Betrieb im eigenen Haus Pflicht ist, fällt die Cloud als Option aus, bevor die Diskussion überhaupt beginnt. Solche Randbedingungen sind keine Details. Sie engen den Lösungsraum ein, lange bevor die Wirtschaftlichkeit gerechnet wird.

Der häufigste Denkfehler auf Vorstandsebene ist die Suche nach dem Königsweg. Den gibt es nicht. Die Entscheidung hängt an der Analyse, und deren Qualität am Können der Analysten. Vorab lässt sich kaum seriös sagen, was mehr Sinn ergibt — erst auf belastbarer Basis wird die Frage überhaupt entscheidbar. Greenfield oder Brownfield ist eben keine Architekturfrage. Es ist eine Wette auf Zeit, Geld und die eigene Steuerungsfähigkeit. Fragen Sie deshalb zuerst nicht nach dem Zielbild. Fragen Sie: Wie gut kennen wir unseren eigenen Altbestand?

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