Technologie ist keine IT-Entscheidung

Fast jede große Technologie-Initiative landet zuerst auf einem Schreibtisch in der IT oder im Fachbereich. Meist bleibt sie auch dort. Genau das ist der erste Fehler — und selten der billigste.

Der Reflex ist verständlich. Ein neues System, ein neues Werkzeug, eine neue Plattform klingt nach Technik, also nach IT. Dabei ist die eigentliche Entscheidung fast nie technisch. Sie lautet: Welche Fähigkeit wollen wir als Unternehmen aufbauen, und sind wir bereit, die Organisation dafür zu bewegen? Das ist eine Geschäftsentscheidung. Wer sie nach unten delegiert, hat sie schon falsch eingeordnet.

Warum das mittlere Management lieber unter sich bleibt

In den Häusern, in denen ich das erlebt habe, war die Ursache selten böser Wille, sondern Isolation. Je mehr Vorstand im Boot ist, desto mehr Fragen kommen — auch unangenehme, manchmal solche, die man nicht auf Anhieb beantworten kann. Das wird als Angriff gelesen, wo es eine Härtung der eigenen Lösung wäre. Und wo die Kommunikation zwischen Vorstand und Bereichsleitung einfriert, bleiben globale Programme im Kern Fachlösungen. Den Rückhalt, den man von oben dringend braucht, bekommt man dann nicht, weil die Schichten darunter jeden ehrlichen Einblick abschirmen.

Die Zahl, an der es sichtbar wird

Es gibt eine unbequeme Regelmäßigkeit: Ohne gesicherten Rückhalt der Führungsspitze gehen früher oder später alle Projektkennzahlen auf Rot. Zeitpläne reißen, Budgets laufen aus dem Ruder, der Scope wird nicht erreicht — und am Ende schimpft jeder auf jeden. Der Grund ist kein technischer. Weder IT noch Fachbereich haben die organisatorische Durchsetzungskraft, einen konzernweiten Wandel gegen den Alltagsbetrieb zu tragen. Für große Veränderungen ist Top-down in Konzernen schlicht alternativlos. Verantwortlich bleibt am Ende trotzdem nur einer: der Programmleiter.

Was Vorstände dabei systematisch unterschätzen, ist ihre eigene Rolle im organisatorischen Wandel. Prioritäten entstehen oben — Märkte, Kosten, Partnerschaften. Wer aus einem indirekten Bereich etwas beitragen will, muss sich mit in den Wind stellen. Ich habe es zweimal am selben Punkt beobachtet: Beide Programme hatten ihre beste Zeit erst, als der Vorstand sichtbar dahinterstand.

Für Sie heißt das: Prüfen Sie bei der nächsten großen Technologie-Entscheidung zuerst die Aufstellung, dann das System. Steht der Vorstand sichtbar dahinter? Wenn nicht, haben Sie keine IT-Aufgabe delegiert, sondern ein Geschäftsrisiko.

Signature