Die Nacht, in der ein produktives Finanzsystem fast weg war.

Jede einzelne Sicherung war da. Nur hatte man an jeder einzelnen gespart. Und Sparen summiert sich, bis eine Nacht die ganze Rechnung präsentiert.

Es ging um ein produktives Finanzsystem, einen Kontinent entfernt, in Mexiko. Auf den Tisch kam es, weil das lokale Team gegen den Betreiber vorgehen wollte. Der drohte, keine Backups mehr zu fahren, solange sein Vertrag nicht endlich verlängert werde. Dieser Vertrag war seit zwölf Monaten ausgelaufen, und auf die Verlängerungsanfragen hatte im Konzern niemand reagiert. Ein Backup ist hochkritisch, also bat man mich, hineinzuschauen.

Was dann kam, war eine lehrbuchreife Kette. Warum läuft das Backup nicht? Frage an den Softwarehersteller. Antwort: kein gültiger Lizenzvertrag mehr, nicht verlängert. Also ad hoc nachgekauft. Der Softwarehersteller sagt: Datenbankproblem. Support beim Datenbankhersteller? Wird nicht mehr geleistet, kein Vertrag. Ad hoc nachgekauft. Die Datenbank meldet: Blöcke lassen sich nicht mehr schreiben, die Platte ist defekt. Der Hardwarehersteller? Kein Wartungsvertrag. Ad hoc nachgekauft. Und tatsächlich, wir brauchen neue Platten. Nur brauchen wir für den Umzug auf ein neues System ausgerechnet die Inhalte genau dieser defekten Blöcke.

Block für Block

Am Ende haben wir für viel Geld alle drei Hersteller an einen Tisch geholt und im Einzelverfahren, Datensatz für Datensatz, die noch lesbaren Blöcke mit Extraktionswerkzeugen in eine neue Datenbank gerettet. Ein Rest war verloren. Es folgte der Gang zur mexikanischen Steuerbehörde: Belege fehlten, wir bekamen sie nicht wiederhergestellt. Die Behörde war offen, bat um eine dokumentierte Schätzung, und damit war die Sache erledigt.

In dem Moment, in dem mir klar wurde, wie tief das Loch war, habe ich geschmunzelt. Nach genügend SAP-Jahren, eskalierenden Kunden und durchwachten Nächten schockt einen so etwas nicht mehr.

Abgewendet haben wir es mit dem Team vor Ort und uns aus Europa. Der wahre Grund für die Lage lag aber tiefer, in einer ungesunden Struktur, und erst die machte das Desaster möglich. Die beiden Standorte lagen weit auseinander, eine zentrale Steuerung des Betreibers gab es nicht, vor Ort stritt man lieber, und die europäische Seite des Betreibers hatte kaum Durchgriff, egal wie laut wir eskalierten. Was gefehlt hat, ist die älteste Regel überhaupt: Spare in der Zeit, dann hast du in der Not. Wer im Normalbetrieb tragfähige Strukturen baut, hat in der Eskalation etwas, worauf er stehen kann.

Nicht lange danach ging der verantwortliche CIO. Der Zusammenhang war deutlich. In seinem eigenen Interesse an Transparenz hätte er die ausgelaufenen Verträge und die Betreiberstruktur sehen und mit dem Einkauf aktiv reparieren müssen. Es ist noch einmal gut gegangen. Das war reines Glück, kein Verdienst.

Prüfen Sie Ihre Rückfallebene deshalb nie einzeln, sondern als Kette: Backup, Lizenz, Wartung, Ersatzteil. Eine gesparte Stufe genügt, damit alle anderen wertlos werden.

Ein gesparter Wartungsvertrag ist unsichtbar. Die Rechnung für alle gesparten zusammen kommt in einer einzigen Nacht, und zwar in der, in der schon alles andere schiefgegangen ist.

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