99 Prozent gefühlt, 1 Prozent echt. Die Kunst ist das Unterscheiden.

Der wirkliche Brandfall ist der, der in 99 Prozent der Fälle gefühlt wird und in einem Prozent tatsächlich vorliegt. Die Kunst ist nicht das Löschen. Die Kunst ist das Unterscheiden.

Jede Organisation eskaliert. Das ist kein Fehler, das ist Betrieb. Schaden richtet nicht der Konflikt an, sondern die unkontrollierte Eskalation, die aus jeder legitimen Frage von oben und jedem Hilferuf von unten einen potenziellen Notfall macht. Wer in so einer Lage jeden gefühlten Brand wie einen echten behandelt, verbrennt seine Leute an den falschen Feuern.

Echt oder gefühlt

Woran erkenne ich in den ersten Stunden den echten Fall? Ich stelle wenige Fragen. Was weiß die Führung von dem, was unten wirklich passiert? Was weiß der Mitarbeiter von dem, was oben entschieden wird? Welche Systeme sind etabliert, und womit beschäftigt sich die Organisation eigentlich: mit strategischen Initiativen oder mit dem Löschen von Bränden, die es gestern noch nicht gab? Wo die Antworten dünn werden, liegt selten ein technisches Problem. Dort fehlt Verbindung.

Denn die meisten gefühlten Brände entstehen in derselben Lücke. Schwache Führung, verunsicherte Mitarbeiter, fehlende fachliche und technische Transparenz, kein echter Draht zwischen oben und unten. Das ist fast immer die Handschrift einer mittleren Ebene, die ihren Job nicht macht. Ihr Job wäre: Verbindung herstellen, die Führung informieren, die Mitarbeiter befähigen. Wo das ausbleibt, wird jede kleine Anfrage zur Bedrohung.

Die Zahl, die Sicherheit vortäuscht

Es gibt eine typische Reaktion auf diese Unsicherheit, und sie sieht aus wie das Gegenteil. Eine mittlere Führungsebene, die Angst hat, nicht die richtigen Antworten zu haben, führt ein Werkzeug ein. Sagen wir ein Ticketsystem. Für einen spitzen Anwendungsfall ist so ein System wertvoll. Als Antwort auf die Dauerangst „wir müssen auf alles vorbereitet sein“ wird es zur Last: Es zwingt den Teams neben dem eigentlichen Eskalations-Gehopse noch umfangreiche Pflegearbeit auf, ohne dass im Team ein Nutzen ankommt, weil der Anwendungsfall gar nicht passt.

Das Ergebnis sieht präzise aus und ist es nicht. Man bekommt Zahlen, Stände, Prozente, ein ganzes Cockpit. Und trotzdem ist es Bauchgefühl mit Nachkommastellen, weil die Zahlen eine Genauigkeit vortäuschen, die die Lage nicht hat. Schlimmer noch: Der Aufwand für den schönen Schein geht von der Zeit ab, die man bräuchte, um den einen echten Fall zu erkennen.

Am Anfang steht deshalb keine Software und kein Cockpit. Am Anfang steht die Frage, ob ein Feuer brennt oder ob jemand friert. Wer das nicht unterscheidet, ist ständig am Löschen und wundert sich, dass es nie aufhört.

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